Folgendes Szenario: Neulich spielten sich auf meinem PC dramatische Szenen ab. Nach mehrstündigem Herunterladen der neuesten Java-Entwicklungsumgebung eine kurze, nur 30 Minuten währende Installation. Anschließend freudiges Betätigen der Maustaste, um die neueste Errungenschaft zu aktivieren. Dann erscheint die Oberfläche der aktuellen Beta-Version von „Malzkaffee“, eines der – glaubt man den Werbeversprechen des Herstellers – genialsten Java-Produkte der Welt. Neugierig lade ich das einzig mitgelieferte Beispielprojekt – was mag sich wohl hinter Hello.java verbergen? Das System fängt an zu kompilieren. Es kompiliert und kompiliert. Eine Viertelstunde später erreicht meine Stimmung einen Tiefpunkt. Nachdem der Rechner Terminierungswünsche meinerseits allenfalls mit Ignoranz zur Kenntnis nimmt, greife ich zur Ultima Ratio: der Power-Taste. Nun noch das System hochfahren, alle Schäden beseitigen und die letzten Spuren von „Malzkaffee“ soweit möglich tilgen. Zu guter Letzt aktiviere ich meinen innovativen Web-Browser (Beta 4.0) auf meinem funkelnagelneuen Betriebssystem (Beta 2.0), surfe wieder im Internet und halte weiter nach einer geeigneten Java-Umgebung Ausschau.

Diese Geschichte – nennen wir sie „Der weltgrößte Beta-Test" – ist zwar der Phantasie entsprungen, entbehrt aber dennoch nicht eines Körnchens Wahrheit. Zugegeben, seit der Internet-Revolution durch WWW und Java bewegt sich der Globus in atemberaubender Geschwindigkeit. Kein Benutzer kann sich über ein mangelndes Angebot an neuen Produkten beschweren. Die Kehrseite der Medaille liegt aber deutlich auf der Hand: Wer als Software-Unternehmer nicht rechtzeitig Java-Produkte vorweisen kann, den überrollt der Markt. Internet-Darwinismus par excellence! Die unvermeidliche Folge: Manche Hersteller machen das Internet zum Tummelplatz für ihre Pre-Alpha- und Beta-Software. Wer die Güte seiner Java-Umgebung zu überprüfen wünscht, möge doch einmal den zugehörigen Debugger testen. Was den Hobbyisten wie ein Schlaraffenland anmuten mag, verkehrt sich für den professionellen Software-Entwickler jedoch zum Alptraum. Nichts hemmt die Produktivität mehr als instabile oder sich ständig ändernde Entwicklungswerkzeuge. Doch Vorsicht: Nicht die Werkzeuge allein haben Einfluss auf die Güte von Java-Programmen. Auch eine geeignete Entwicklungsmethodik darf nicht fehlen. Da die Industrie Java mittlerweile verstärkt als Implementierungssprache für neue Software einsetzt oder dies zu tun beabsichtigt, ist dieser Aspekt umso bedeutender. Schließlich gilt immer noch der Ausspruch „A fool with a tool is still a fool“. Oder anders formuliert: ohne systematische Software-Entwicklung keine qualitativ hochwertigen Anwendungen.

In der Ihnen vorliegenden Ausgabe präsentiert Erich Gamma in unserer Titelgeschichte einen Überblick über die in Java verwendeten Design Patterns. Unser Interview mit Borland-Chef Gerhard W. Romen gibt Aufschluss über die Software-Entwicklungsstrategie des Unternehmens. Anhand einer interaktiven Graffiti-Wall führt ein Beitrag spielerisch in die Problematik ein: Wie lassen sich die Eingaben eines Web-Benutzers persistent speichern, sodass sie für den nachfolgenden Benutzer noch sichtbar bleiben? Zahlreiche weitere Gänge komplettieren dieses reichhaltige Menü. Lassen Sie es sich schmecken.