Die Tech-Giganten kaufen hektisch ein: OpenAI sichert sich OpenClaw, Meta übernimmt Moltbook. Die Marketing-Botschaft scheint klar – die Zukunft gehört den KI-Agenten. Wenn im Silicon Valley ein neuer Hype entsteht, erkennt man ihn meist daran, dass plötzlich alles andere „tot“ ist. Diesmal hat es also die Software selbst erwischt. Der Gedanke dahinter: Warum noch mühsam Anwendungen bauen, wenn KI-Agenten künftig einfach selbst die Software generieren und bedienen? Keine Interfaces mehr, keine Menüs, keine Apps. Nur noch ein intelligenter digitaler Assistent, der sagt: „Ich kümmere mich.“ Man muss es zugeben: Die Vision ist verlockend! Das Problem liegt im Fundament der Large Language Models (LLM).
Wie die aktuelle Studie „Agents of Chaos“ (Stanford, Harvard & MIT) eindrucksvoll belegt, neigen KI-Agenten in realen Arbeitsumgebungen inhärent zu einer Art von kreativem Chaos. Sie geben sensible Daten an Fremde weiter, ignorieren Sicherheitsregeln oder melden Aufgaben als „erledigt“, die sie nie angefasst haben. Das liegt in der Natur des Ansatzes und lässt sich nicht so einfach verändern: LLMs sind stochastische Algorithmen. Gleiche Eingabe, unterschiedliche Ausgabe – in der Informatik nannte man das früher einen Bug, heute nennt man es „Agentic AI“.
Reports of My Death Are Greatly Exaggerated
Das Narrativ vom „Tod der Software“ ist ein alter Hut, den das Valley gerne alle paar Jahre wieder aus dem Schrank holt. Schon 1957 sollte laut IBM die Sprache Fortran die Programmierer überflüssig machen. Dann sollte das Web die Desktop-Anwendung killen, Mobile Apps das Web und No-Code und Low-Code schließlich alle Entwickler. Diesmal aber wirklich. Nimmt man alle diese Prognosen ernst, müsste Software heute eigentlich schon irgendwo zwischen dem Tamagotchi und dem Blackberry auf dem Friedhof der IT-Geschichte liegen. Tut sie nicht und Softwareentwickler sind weiter begehrt.
Agentic AI wirkt zunächst wie ein radikaler Bruch mit der bisherigen Softwarewelt, passt aber erstaunlich gut zur seit Jahren propagierten API-First-Strategie modularer Software. Damit KI-Agenten Software zuverlässig nutzen können, brauchen sie strukturierte, maschinenlesbare Schnittstellen – also APIs. Während Menschen sich durch Oberflächen klicken, kommunizieren Agenten direkt mit diesen Schnittstellen. In gewisser Weise knüpft das Konzept Agentic AI auch an bekannte Automatisierungsansätze wie Robotic Process Automation (RPA) oder „If-This-Then-That“-Tools wie IFTTT und ähnliche deterministische Ansätze an. Und viele innovative „KI-Agenten“ machen heute – oft zum Glück für die Unternehmen – auch nur genau das. Sie sind vorhersagbar, deterministisch. Agentic AI ist oft nur eine etwas flexiblere Version derselben alten Automatisierungsidee. In Wahrheit nur alter Wein in „sehr innovativen“ und ziemlich teuren Schläuchen.
Konsequent umgesetzt hat der „Agentic AI“-Ansatz – trotz meiner Kritik – bisher ungehobenes Automatisierungspotenzial in Unternehmen. Selbst wenn der „magische KI-Staub“ verschwindet und es sich hier ganz am Ende doch nur um deterministische, vermeintlich „dumme“ API-Prozeduren handelt und der Name „KI-Agent“ nur noch einen rein erzählerischen Charakter hat – dafür dann aber zuverlässig funktioniert.
Software stirbt nie
Die Erzählung vom Verschwinden der Software dient aber vor allem einem Zweck: der Aufblähung der eigenen Unternehmensbewertung. Doch Software ist zäh. Sie stirbt nie, sie verändert nur ihre Form. Als Mark Twain 1897 seine eigene Todesanzeige in der Zeitung las, bemerkte er trocken: „Die Berichte über meinen Tod sind stark übertrieben.“ Es würde mich nicht wundern, wenn irgendeine Software irgendwo im Silicon Valley gerade genau diesen Satz murmelt, während ein verzweifelter KI-Agent mal wieder versucht, sie mit einer Halluzination zu füttern.