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Lange Zeit war die Public Cloud in Deutschland zu Unrecht als „unsicher“ verschrien. Als die Behauptung nicht mehr zu halten war, wurde das Schreckgespenst des „Vendor Lock-in“ beschworen. Als Folge davon haben viele Unternehmen auf eine „Private Cloud“ oder eine „Hybrid Cloud“ gesetzt und sich so aller Vorteile beraubt, die die Nutzung der Hyperscaler-Angebote überhaupt erst attraktiv machen. Mit Blick auf das wichtiger gewordene Thema Souveränität scheint es, dass sich eine aus den falschen Gründen getroffene Entscheidung im Nachhinein zufällig als nützlich erweisen könnte.

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Uwe Friedrichsen

CTO, Softwerker & Herausgeber IT-Spektrum


  • 16.04.2026
  • Lesezeit: 5 Minuten
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Die böse Public Cloud

Während die USA und große Teile der restlichen Welt die Möglichkeiten der Public Cloud recht schnell erkannten, stand man dieser neuen Technologie in Europa und speziell in Deutschland eher kritisch bis ablehnend gegenüber. Die Diskussion über Public Cloud, speziell die großen Hyperscaler, war von FUD (Fear, Uncertainty, Doubt) geprägt. Zunächst hieß es, die Hyperscaler seien unsicher. Als offensichtlich wurde, dass die Hyperscaler einen Grad an Sicherheit ermöglichen, von dem man im eigenen Rechenzentrum nur träumen kann, wurde „Vendor Lock-in“ als neue Begründung hochgehalten, warum man die Angebote der Hyperscaler nicht nutzen könne.

Es war faszinierend zu beobachten, wie die gleichen Unternehmen, die sich ohne signifikanten Mehrwert bei IBM, Oracle, und Co. in den kompletten Lock-in begeben haben und diesen Unternehmen bis heute jährlich Unsummen zahlen, bei den Hyperscalern plötzlich angsterfüllt von Lock-in sprachen, obgleich man an der Stelle einen echten Mehrwert hätte heben können. Aber anstatt eine ordentliche Kosten/Nutzen/Risiko-Betrachtung zu machen und klare Ausstiegsszenarien zu definieren, um dann die Potenziale der Hyperscaler sinnvoll zu nutzen, hat man sich für ein zögerliches Klein-Klein entschieden.

So wurden fleißig „Private Clouds“ gebaut. Dank der bewundernswerten Begriffsverdrehung der CNCF, die Nutzung von Containern aufgrund kommerzieller Mitgliederinteressen als „Cloud-native“ zu bezeichnen, hatten Unternehmen ihre „Private Cloud“, sobald sie einen Container-Scheduler wie Kubernetes installiert hatten. „Cloud“ ohne Cloud (denn Cloud und Container sind zwei unabhängige Konzepte). Irgendwann wurden dann auch die Hyperscaler salonfähig in Deutschland – natürlich nur, wenn man den „Lock-in“ vermied. Das tat man, indem man beim Hyperscaler nichts verwendete, was man nicht auch im eigenen Rechenzentrum hatte. So wurde dann aus der „Private Cloud“ eine „Hybrid Cloud“.

Natürlich hat man so die eigentlichen Potenziale der Hyperscaler nicht einmal ansatzweise gehoben, denn die entfalten sich nun einmal nur, wenn man deren Services richtig nutzt, und nicht, indem man das eigene Rechenzentrum beim Hyperscaler nachzustellen versucht. Mit dem Aufstieg generativer KI hat man die Lock-in-Bedenken ein wenig nach hinten geschoben und dann doch begonnen, Angebote der Hyperscaler zu nutzen, die das eigene Rechenzentrum nicht anbietet – auch über reine KI hinaus. Aber die zentralen Workloads sind bei den meisten Unternehmen bis heute strikt „Cloud-native“, sprich einfach Anwendungen, die in Containern laufen.

Die bösen Amerikaner

Alles hätte so schön sein können. Aber dann kamen Donald Trump und seine MAGA-Bewegung in den USA wieder an die Macht und sie ließen keine Zweifel daran, dass die USA unter ihrer Kontrolle nicht mehr der verlässliche Partner für Europa sind, der sie über viele Jahre waren. Damit hatten Europa und insbesondere auch Deutschland ein Problem: (Nicht nur) im Bereich der IT hatte man im Prinzip über Jahrzehnte die gesamte Forschung und Entwicklung in die USA und nach Asien, insbesondere China, „ausgelagert“. Anstatt selbst Angebote zu schaffen, nutzte man einfach, was aus Asien und den USA kam. Das war gut für die kurzfristigen Gewinne (und den eigenen Jahresbonus). Das war nicht so gut für die eigene Souveränität.

Gegenüber China hatte man eher ambivalente Gefühle und nutzte daher deren Cloud-Angebote eher nicht (wenngleich man gleichzeitig fleißig günstige Hardware aus China bezog). Man hatte ja die „guten“ Amerikaner. Aber plötzlich waren die nicht mehr „gut“ und es wurde schmerzhaft sichtbar, wie schlecht es um die eigene Souveränität im Bereich IT bestellt war.

Zweimal schlecht gleich einmal gut?

Gerade in Sachen Cloud sieht es in Europa nicht so gut aus. Fast allerorten hat man entweder gar nichts anzubieten oder man hängt weit hinter den Angeboten der Hyperscaler zurück. Doch gerade in dieser Situation erweist sich das Cloud-Klein-Klein der Vergangenheit als unerwarteter Vorteil. Da man bei den Hyperscalern wegen „Lock-in“-Sorgen alles gemieden hat, was nicht auch im eigenen Rechenzentrum oder bei allen Hyperscalern gleich verfügbar war (Stichwort: „Poly-Cloud“), hat man zumindest in Sachen Cloud ein deutlich geringeres Problem mit der Abhängigkeit von den USA als an anderen Stellen. Ein wenig VMs, Container, einfachen Storage und Messaging haben nämlich nicht nur die amerikanischen Hyperscaler im Angebot, sondern auch sämtliche europäischen Cloud-Anbieter. So entwickelt eine eigentlich schlechte Entscheidung an anderer Stelle doch noch einen guten Seiteneffekt. Es ist zwar nur ein versehentlicher Seiteneffekt, aber immerhin.

Quo vadis, Souveränität?

An anderen Stellen wie KI, SaaS, der meisten Standardsoftware sowie Hardware sieht es weiterhin nicht gut aus in Sachen europäischer Souveränität. Auch haben die meisten IT-Leiter:innen gerade wenig Interesse, ihre Workloads von den Hyperscalern weg zu verschieben, nachdem sie fast ein Jahrzehnt damit beschäftigt waren, diese mit sehr viel Aufwand und gegen alle möglichen Widerstände dahin zu verschieben. Entsprechend bleibt es spannend beim Thema Souveränität. Es wird zwar viel darüber geredet, aber gerade in Deutschland sieht es bei den Taten noch recht überschaubar aus.

Da scheint das Prinzip Hoffnung vorzuherrschen getreu Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes „Et hätt noch emmer joot jejange“ („Es ist bisher noch immer gut gegangen“). Ob das ausreichend ist, um im Zweifelsfall „vom Verhandlungstisch aufstehen zu können und nicht zähneknirschend sitzen bleiben zu müssen“, wie eine gerne genutzte Umschreibung von Souveränität lautet, bleibt abzuwarten.

Uwe Friedrichsen

Herausgeber ITS Spektrum

-> zur Ausgabe 3/2026

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Uwe Friedrichsen

CTO, Softwerker & Herausgeber IT-Spektrum
Zu Inhalten

Uwe Friedrichsen ist CTO und Softwerker der codecentric AG. Seit der Ausgabe 5/2018 ist er Herausgeber der IT-Fachzeitschrift IT Spektrum, ehemals OBJEKTspektrum.


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