Im Laufe der letzten Jahre fand eine Professionalisierung und Kommerzialisierung des Bereichs der mobilen Endgeräte statt. Mit dem Buch „Mobile Systeme“ von Florian Bliesch schickt der Hanser Verlag ein Lehrbuch ins Rennen, das den Kreis zu schließen sucht und mobilcomputerfremden Personen einen Zugang in die Thematik ebnet.
Handcomputertechnik für die Anderen
Bliesch beginnt seine Überlegungen mit einem Rundumschlag, der die Welt der mobilen Endgeräte als Ganzes abzudecken sucht. Neben der Rolle des Handcomputers in der modernen digitalen Gesellschaft finden sich Gedanken zu den Hardwarekomponenten und zu Entwurfsmustern, die zur Realisierung erfolgreicher mobiler Systeme herangezogen werden können.
Im Bereich des Rundumschlags über die im Mobilbereich bekannten Geräteklassen setzt sich dieser Trend fort – wer mit Palm, BlackBerry und Co. gekämpft hat, wird sich an dieser Stelle naturgemäß ärgern, weil „sein Lieblingsgerät“ im mit fast 600 Seiten durchaus umfangreichen Werk nicht ausreichend vorkommt. Dies ist dem Konzept geschuldet – schon am Beginn der Rezension sei angemerkt, dass es sich hierbei nicht um ein Lehrbuch für Handcomputer-Cracks handelt, die seit der Zeit des Palm III dabei sind.
Codieren oder nicht codieren?
Obwohl die No-Code-Idee von der Presse immer wieder propagiert wird, erfolgt der Gutteil der Entwicklung von Handcomputersystemen unter Nutzung von nativen oder Cross-Plattform-Systemen.
Bliesch stellt die populärsten Implementierungen aus rechtlicher und architektonischer Sicht vor – Code-Snippets sucht der Leser vergeblich. Die Ausrichtung an Entscheider lässt dies vernünftig erscheinen. Zu beachten ist, dass die Einschätzung des Autors (Stichwort beispielsweise .NET MAUI, Multi-Platform App UI) nicht mit der Praxis des Rezensenten übereinstimmt, der sich fast täglich mit dem jeweiligen Framework auseinandersetzt.
Das Kapitel zur Benutzeroberflächengestaltung gibt keinen Anlass zur Kritik: Dem Autor gelingt es nach Ansicht des Rezensenten auch ohne Erwähnung des Klassikers „The Zen of Palm“, die „Schmerzpunkte und Unterschiede“ zwischen einer Desktop- und einer Handcomputerapplikation zu veranschaulichen. Schade ist, dass in all den vorgestellten Prototyping-Toolkits die gute alte Kombination aus Papierschere, Bleistift und bildschirmgroßen Karten überhaupt nicht zur Sprache kommt, ein Verfahren, mit dem schon im Pleistozän die DAU-Kompatibilität (dümmster anzunehmender User) von GUI-Designprototypen verifiziert wurde.
Du lebst nicht vom Code allein
Die Theorie des „if you build it, they will come“ hat im Handcomputerbereich seit dem Erscheinen des iPhones keine Relevanz. Eine kommerziell erfolgreiche Applikation muss nicht nur sauber codiert sein, sondern auch die korrekten Umgebungsbedingungen haben.
Sowohl das Lifecycle Management mit der Verwaltung der dazugehörenden Cloud-Ressourcen als auch die eigentliche Distribution der Applikation unter Android und iOS kommen zur Sprache. Lobenswert ist, dass Bliesch auch auf alternative Stores für Android und iOS eingeht. Aus dem beschränkten Umfang des Buchs folgt, dass die Überlegungen auf vergleichsweise abstraktem Niveau bleiben müssen und die Details der Technik nicht vorgestellt werden können. Ein ähnlicher Trend setzt sich im Kapitel zur Mobile Security fort, das sogar auf Themen wie MDM (Mobile Device Management) eingeht.

Titel: Mobile Systeme: Konzeption, Entwicklung, Betrieb
Autor: Florian Bliesch
Seiten: 579
Verlag: Hanser
Jahr: 2025
ISBN: 978-3-446-48276-0
Im Strom der Buzzwords
Das Aufkommen des iPhone ließ den Handcomputer vom Spielzeug für internetsüchtige Freaks zu einem universell akzeptierten Werkzeug des Mobile Business werden. Damit einher ging die Verfügbarkeit von Venture Capital und allerlei Arten von Buzzword Bingo. Der dritte Teil des Buchs wendet sich daher Trends zu, mit denen man als Entwickler zu tun bekommt.
Neben aktuellen Ausführungen zur Thematik KI im Mobilbereich, wie zu Google Android 15, gibt es Kapitel, die sich mit „Argumented Reality“ und modernen Geschäftsmodellen im Handcomputerbereich auseinandersetzen. Bei Letzterem liegt der Fokus auf „Asset Light“-Strukturen wie Airbnb; das erfolgreiche Designen von Handcomputerspielen zur maximalen Abschöpfung von Einnahmen kommt nicht zur Sprache.
Exotischere Themen – man denke an das mobile Metaverse oder das vor allem in Europa wichtige Green Coding – kommen ebenfalls vor. Dem Lehrbuch gelingt eine durchaus gute Präsentation „wichtiger Schlagworte“, ohne Personen mit (für grundlegendes Verständnis unnötigen) Details zu erschlagen oder zu Tode zu langweilen.
Zu guter Letzt findet sich noch ein Kapitel zur „Technikfolgen-Abschätzung“.
Fazit
Der Rezensent ist denkbar ungeeignet für die Bewertung des Buchs „Mobile Systeme“. Wer die Entwicklung der Handcomputer seit ihrer Entstehung aus Apple Newton und Palm Pilot verfolgt hat, ist mit Sicherheit nur wenig begeistert.
Andererseits gilt – wie bereits in der Einleitung gesagt –, dass die Kommerzialisierung der Handcomputer eine Verbreiterung der Interessenten-Basis erzeugte. Das vorliegende Buch schafft es, alle relevanten Aspekte der Technologie für Stakeholder begreifbar zu machen. Wer in einem Software- oder Hardwareunternehmen den Weg in die Handcomputerwelt einzuschlagen gedenkt, wird den Kauf nicht bereuen.