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Interviews

30 Jahre JavaSPEKTRUM: Interview mit Dirk Bartels von 1996

Auf der Object Expo 1996 in New York traf sich die Redaktion mit Dirk Bartels, dem damaligen CEO und President der POET Holdings Inc.

? : POET ist einer der wenigen deutschen Software-Hersteller, die international erfolgreich ihre Produkte vertreiben. Was war der Grund für Ihren Gang nach Kalifornien?

! : Wir haben vor etwa zwei Jahren die Entscheidung getroffen, Teile der Company und des Managements in die USA umzusiedeln. Aus Gründen des amerikanischen Marktes, der strategisch bedeutsamer ist als der deutsche Software-Markt. Um am deutschen Markt bestehen zu bleiben, muß man aktiv sein. Ich glaube, wir haben den Schritt zur richtigen Zeit getan, als der OODBMS-Markt noch relativ klein und übersichtlich war. Das heißt, wir können jetzt nach zwei Jahren zurückblicken und sagen, daß wir heute einer der Top-Anbieter dieser Technologie sind und auch hier in USA mittlerweile gute Marktanteile gewonnen haben.

? : Ihre Strategie war es anfangs, eher in Richtung C++-Markt zu gehen. POET ist jetzt dabei, eine Java-Anbindung an OODBMS zu realisieren. Warum?

! : Wir haben 1989 angefangen, POET zu entwickeln und haben dazu C++ verwendet. Damals war C++ noch eine relativ neue objektorientierte Sprache, die sich über die Jahre zu einem Standard entwickelt hat, der gleichfalls akzeptiert wird. Trotz allem hat sich in den letzten drei Jahren gezeigt, daß C++ nur einen begrenzten Markt für Entwickler bietet, weil die Sprache zu komplex ist. Zudem gibt es nur eine begrenzte Anzahl von relativ gut ausgebildeten Software-Entwicklern, die diese Sprache beherrschen. Java bietet einfache, orthogonale Konzepte. Aufgrund der einfachen Strukturierung von Java, den Sicherheitskonzepten und anderer Aspekte halte ich Java für eine optimale Programmiersprache für alle möglichen Arten von Applikationen, nicht nur für Internet-Anwendungen. Wir haben außerdem in den letzten zwei Jahren Schnittstellen zu Umgebungen geschaffen, die nicht objektorientiert sind. Insbesondere unter der Windows-Oberfläche für Visual Basic, um mehr Entwicklern die Technologie zugänglich zu machen. Wir glauben, daß diese Strategie, mehrere Programmiersprachen zu unterstützen, entscheidend ist, um eine hohe Marktakzeptanz zu erzielen.

? : Wie wichtig ist für POET die Java-Anbindung?

! : Wir glauben, daß Java in vielen Bereichen C++ ablösen wird, insbesondere dort, wo absolute Performanz nicht unbedingt notwendig ist. Java ist eine sehr gute Sprache, um nicht nur Internet-Applikationen, sondern auch Front-End-Applikationen zu erstellen. Wir können durch diese Mehrfach-Sprachstrategie unseren Kunden anbieten, daß sie Performance-kritische Komponenten in C++ entwickeln, mit einem Native Compiler übersetzen und diese Komponenten dann zusammen mit dem Java-Binding portabel nutzen können. Dadurch ist es möglich, daß Kunden die richtigen Werkzeuge für die richtige Aufgabe einsetzen - Java ist ebensowenig wie C++ die perfekte Sprache für alles.

? : Wie sehen sie Java als zukünftigen Markt?

! : Java hat den ganz entscheidenden Vorteil gegenüber Visual Basic, daß es auf mehreren Plattformen installiert werden kann, ohne rekompiliert werden zu müssen, wie dies bei C++ notwendig ist. Was das Software-Engineering betrifft, hat sie erhebliche Vorteile gegenüber Visual Basic. Wir sehen Visual Basic als eine Sprache, mit der Prototyping möglich ist oder mit der User Interfaces entwickelt werden, aber keineswegs Application Development.

? : Wie sieht generell die Strategie von POET gegenüber Java aus - nicht nur in bezug auf bestehende Produkte, sondern auch in der Zukunft?

! : Wir hoffen, daß in ein bis zwei Jahren Java so große Marktanteile gewonnen hat, daß C++ als Hauptprogrammiersprache abgelöst wird. Wir haben mit dem Java-Gateway-Binding, welches zur Zeit bereits als Pre-Release verfügbar ist, zunächst eine Schnittstelle geschaffen, um externe Datenbanken mit Java zu verbinden oder andere Datenbanken über dieses Call-Interface anzusprechen. Der nächste Schritt ist, daß wir zur Zeit ein Type-Binding entwickeln,das ab Oktober/November verfügbar sein wird. Dieses basiert dann auf dem ODMG-Standard, womit Änderungen in unserer Implementierung verbunden sind, um eine saubere, performante Verbindung zwischen der Datenbank und Java zu erreichen, die von der Performance her mit C++ vergleichbar sein soll.

? : Diese Produkte gibt es dann vermutlich für verschiedene Plattformen.

! : Ja, wir bleiben bei unserer Strategie, die wichtigsten Plattformen zu unterstützen. Bei Microsoft Windows sind das für Java natürlich nur die Win32-Plattformen. Wir unterstützen weiterhin auch OS/2 und Macintosh und auf der Server-Seite vier oder fünf Unix-Systeme sowie NetWare. Wir haben außerdem gute Verbindungen zu Novell, die einen starken Fokus darauf haben, Java auch auf NetWare verfügbar zu machen. Dies wird mit Sicherheit auch interessant sein, um Java-Server-Applikationen zu entwickeln.

? : Wie sieht die Zusammenarbeit von POET mit Firmen wie JavaSoft oder SunSoft aus?

! : SunSoft hat ein sehr enges Partnerprogramm mit unserem Vertrieb. Wir haben sehr starke Verbindungen zur ODMG, bei der inzwischen auch Java-Soft gelandet ist. Es gibt aber keine weiteren Verbindungen zu SunSoft. SunSoft selbst hat das Ziel, OODBMS an Java anzuschließen, aber sie kümmern sich nicht sehr um die Hersteller.

„Wir bleiben bei unserer Strategie, die wichtigsten Plattformen zu unterstützen.“

? : Welche Vor- und Nachteile von Java sehen Sie im Zusammenhang mit objektorientierten Datenbanken?

! : Ich glaube, der wirkliche Vorteil ist, daß Sie ähnlich wie in der C++-Welt

Objekte persistent speichern müssen und daß Sie Synchronisations-Mechanismen brauchen, wenn verschiedene Nutzer auf Objekte zugreifen wollen. In diesem Zusammenhang sind OO-Datenbanken die bessere Wahl, weil Sie das gleiche Modell benutzen wie die Programmiersprache. Das Interessante an POET ist, daß wir nicht nur die Server-Seite unterstützen, sondern auch eine sehr leistungsfähige Client-Implementierung haben, die sogenannte Proxy-Clients unterstützen, so daß der Server auch über Web-Browser ansprechbar ist. Wir haben in der Entwicklung aber auch einen OO-Web-Client, der es erlaubt, Web-Server-Objekte zu erreichen, so daß Sie auch ohne permanente Internet-Verbindung zurechtkommen. Ich glaube, daß das auch für Intranet-Entwicklungen sehr interessant ist.

Sobald Sie mit POET arbeiten, können Sie mit Transaktionen arbeiten. Das bedeutet, wenn Sie Objekte aus der Datenbank auslesen, können Sie Transaktionen „committen“. Sie können sich auf die Datenbank-Integrität verlassen, was für Datenbanken enorm wichtig ist. Sie müssen für bestimmte Aktionen sicherstellen, daß sie auch zu Ende geführt werden. POET geht hier sogar noch einen Schritt weiter: Unsere Internet-Strategie ist es, Zugriff auf die POET-Object-Factory zu haben, die es Ihnen erlaubt, Objekte auch aus relationalen Datenbanken zu beziehen und diese zu Objekten zusammenzufügen. Sie haben dadurch ein einheitliches API, das Objekte unterstützt, ohne daß Sie zwischen den verschiedenen APIs für verschiedene Prozessoren wechseln müssen.

? : Welche Schwierigkeiten gibt es, wenn man über das Internet Transaktionen anstößt und es zu Transaktionsfehlern kommt?

! : Die Lösung hierfür sind verteilte Transaktionen. Eine Transaktion wartet, bis alle Clients ihre Transaktion „committed“ haben. Dadurch bekommen wir das Problem der Objektverteilung in den Griff und die Integrität der Datenbank ist sichergestellt.

Java™ SPEKTRUM November/Dezember 1996

-> zum PDF von 1996


Das ist Dirk Bartels jetzt:

Dirk Bartels, Diplom Informatiker, TU Berlin, Jahrgang 1960. Serial Entrepreneur, unter anderem Mitgründer und CEO von POET Software in den 90iger Jahren, leitete den Börsengang des Unternehmens in 1999. Von 1995 - 2012 im Silicon Valley gelebt und gearbeitet. Von 2012 - 2016 CTO & CPO bei idealo, eines Axel Springer Tochterunternehmens. Seit 2018 Expert Partner bei der Tech Insights Group, eine auf Technologiegutachten und Value Creation Project spezialisierte Einheit von Bain & Company. Verheiratet, 4 erwachsene Kinder, 3 Enkelkinder, und begeisterter Triathlet, 3 x Ironman Hawaii Finisher.

Autorenbild Dirk Bartels